Über die sieben ‚Rollen‘ einer
Führungskraft
>>von Anne M. Schüller
Im sogenannten ‚Manager-Speak‘
zeitgemäßer Unternehmen kommt das Wort Führung schon kaum mehr vor. Da wird von
Leadership und von Management gesprochen, zwei kontroverse Begriffe, die oft
bedeutungsgleich verwendet werden. Das sind sie aber nicht. Denn Management hat
mit Managen und Leadership vor allem mit Führen zu tun. Die Vorbildfunktion und
das ‚Mensch sein‘ spielen gerade bei letzterem eine wichtige Rolle.
Die Aufgabenschwerpunkte einer
Führungskraft - die in gewisser Weise auch als ‚Rollen‘ bezeichnet werden
können - sind folgende:
- Führung
- Manager
- Fachkraft
- Mitarbeiter
- Repräsentant
- Vorbild
-
Mensch
Jede Führungskraft hat Präferenzen im Denken und Handeln und kann daher nicht jede dieser Rollen gleich gut erfüllen. Sehen wir uns einige davon ein wenig genauer an.
Führen und Managen
Führung kümmert sich um
Menschen, der Manager um alles, was sich Organisieren lässt (planen, umsetzen
und kontrollieren von Prozessen, Strukturen, Standards etc.). Das Führen hat
implizit eine ethische und das Managen vorrangig eine ökonomische Dimension.
Führung entwickelt die Unternehmenskultur, das Management die Strategie. Die
Führungskraft benötigt vor allem soziale und der Manager insbesondere
methodische Kompetenzen. Unnötig zu sagen, dass methodische Kompetenzen - wie
sie sich etwa in Projekten und Aktionen manifestieren - leichter zu erwerben
und zu steuern sind als Soft-Skills.
Schon allein deshalb kommen
soziale Kompetenzen vielerorts immer noch zu kurz. Das heißt: In den meisten
Unternehmen wird zu viel Management und zu wenig Leadership gelebt. Die Verteilung
zwischen sachorientierter und beziehungsorientierter Herangehensweise liegt
vielfach bei 80 zu 20. Was ein Fehler ist, denn unternehmerische Top-Performance
braucht beides gleichermaßen: gute Führungskräfte und ein gutes Management. Wer
nämlich etwas bewegen will, tut sich leichter, wenn er zunächst seine Mitarbeiter
zu ‚Fans‘ macht, um sie dann auf Veränderungen einzustimmen. Einem Freund folgt
man lieber als einem Feind.
Nicht selten wird jedoch, wenn
eine Führungsposition zu besetzen ist, auch heute noch die beste Fachkraft zur
Führungskraft gekürt. Solchen ‚Edelsachbearbeitern‘ fehlt dann meist die
Führungskompetenz, sie erledigten weiterhin alles selbst. Zwar ist Fachwissen
für eine Führungsposition hilfreich, es tritt aber zunehmend an Bedeutung
zurück. Ein guter Vorgesetzter orchestriert seine Mannschaft wie ein Dirigent.
Dazu braucht er nicht der Beste an der Pauke zu sein. Das Solo wird den
ausgewiesenen Experten im Team überlassen. Und die dürfen dafür auch den
Applaus einheimsen.
Vorbild sein
Ob draußen oder drinnen im
Unternehmen: Führungskräfte stehen unter ständiger Beobachtung - wie auf einer offenen
Bühne. Daher gilt es, die Führungsrolle so perfekt wie möglich zu spielen,
ausdauernd wie ein Schauspieler zu üben und sich nach jeder Performance zu
fragen: Wie war ich? Denn das Verhalten der Oberen vervielfältigt sich
insbesondere durch ihr Tun. „Es dauert keine 14 Tage", hat der gute alte Sam Walton,
Gründer von Wal-Mart, einmal gesagt, „dann behandeln die Mitarbeiter ihre
Kunden genauso, wie sie selbst von ihrem Chef behandelt wurden."
Bezeichnenderweise heißt es ja auch Vorbild und nicht Vorwort. Vormachen
funktioniert viel besser als vorschreiben.
Erst seit ein paar
Jahren wissen wir, was dabei im Hirn passiert: Spiegelneurone werden aktiv. Im
Jahr 1992 entdeckte ein Forschungsteam der Universität Parma unter Giacomo
Rizzolatti bei Versuchen mit Affen eher zufällig dieses Phänomen. Später wurden
Spiegelneurone in immer größerer Zahl auch bei Menschen entdeckt, sogar in
unseren Schmerzzentren. Und so spüren wir die Pein wie auch die Freude der
Anderen in uns selbst. Solches Mitfühlen, auch Empathie genannt, ist uns
angeboren. Menschen übernehmen automatisch Gefühle voneinander, die Emotionen
gleichen sich an. Der gesunde Menschenverstand weiß dies schon lange und
spricht von gleicher Wellenlänge.
Spiegelneurone, so der
Psychoneuroimmunologe Joachim Bauer, sind „Nervenzellen, die im eigenen Körper
ein bestimmtes Programm realisieren können, die aber auch dann aktiv werden,
wenn man beobachtet oder auf andere Weise miterlebt, wie ein anderes Individuum
dieses Programm in die Tat umsetzt." Das heißt, wir erleben, was andere fühlen,
in einer inneren Simulation. Dies führt oft zu einer Art emotionaler
Ansteckung, zu spontaner Imitation, zum Gleichschritt und zur Kopie von Duktus
und Habitus.
Über Vormacher und Nachmacher
Nur wenige Menschen sind Vormacher,
die meisten sind Nachmacher. Wenn wir selbst nicht ganz sicher sind, dann
folgen wir dem, der uns das Gefühl gibt, seiner Sache ganz sicher zu sein. Und
das ist zum Beispiel der Chef. Sollten Mitarbeiter erleben, dass ihr
Vorgesetzter nicht ehrlich ist, weil er etwa einem Kunden eine falsche Wahrheit
präsentiert, so darf damit gerechnet werden, dass die Mitarbeiter sich bei
nächster Gelegenheit ähnlich verhalten.
Ob
also die Mitarbeiter das positive in einer Kundenbeziehung sehen können, hat
maßgeblich mit dem zu tun, was sie bei ihrer Führungskraft hören und beobachten.
Macht diese immerzu den schwachen Markt, die Nachfrageverschiebungen, die
Tücken der Konkurrenz oder die miese Performance anderer Abteilungen für
Misserfolge verantwortlich, so werden die Mitarbeiter schnell das gleiche tun.
Wenn diese ständig Negativ-Geschichten über ‚schwierige' Kunden, Nörgler und Querulanten
hören, dann
wird dies deren Einstellung färben. So entwickelt sich schließlich ein
‚Feindbild Kunde‘.
Die Stimmung im Unternehmen
breitet sich von oben nach unten aus. Mitarbeiter sind abhängig von der guten
oder schlechten Laune ihres Vorgesetzten. Aus diesem Grunde wird jeden Morgen beobachtet,
wie der Chef heute drauf ist. Seine Stimme, seine Gestik, seine Mimik: Alles
wird interpretiert. Jedes noch so leicht dahingesagte Wort erhält Gewicht. Ist
er gut gelaunt, dann wissen die Mitarbeiter und spüren die Kunden: Heute ist
ein guter Tag. So schlägt sich die Stimmung des Chefs unmittelbar auf die
Performance der Mitarbeiter und schließlich auf die Ergebnisse nieder.
Mensch sein
Es ist immer wieder erstaunlich
zu beobachten, wie cool und emotionslos Manager oft wirken wollen. Manche
vergraben im Business ihre zwischenmenschlichen Gefühle wie Leichen im Keller.
Als gäbe es im Berufsleben kein schlimmeres Vergehen, als sich so zu zeigen,
wie man ist.
Während eines Manager-Seminars
bat ich einmal um mehr Licht im Raum, damit ich besser in die Gesichter der
Teilnehmer sehen könne. Ab dem Moment hatte ich Masken vor mir sitzen. Niemand
wollte sich in die Karten schauen lassen. Diesen Managern habe ich schließlich
folgendes Feedback gegeben: „Ich fand es interessant, Ihre Reaktion zu erleben.
Was ich beobachtet habe, ist folgendes ... und ich möchte Ihnen, wenn ich darf ...
auch eine Rückmeldung geben, wie ich mich dabei gefühlt habe: Ich habe die
ganze Zeit nicht gewusst, ob Sie die Sache hochinteressiert finden oder ob ich
Sie womöglich langweile. Ich hätte mir eine sehr viel deutlichere Reaktion
gewünscht. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es Ihren Mitarbeitern genauso
geht. Wir Menschen brauchen nämlich Feedback, um sicher zu sein, dass wir
richtig liegen. Sonst halten wir vorsichtshalber den Ball lieber flach.
Deshalb: Zeigen Sie Ihre Gefühle, es wird Ihre Mitarbeiter und Sie selbst
erfolgreicher machen! Und: Danke, dass ich Ihnen das sagen durfte."
Wenn ein Vorgesetzter seine
Gefühle zeigt, kommt dies einer Einladung an seine Mitarbeiter gleich, es ihm
nachzutun. So erreicht man nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz seiner
Leute. Wird hingegen nie über Gefühle gesprochen, dann verlagern sich etwaige
Konflikte im Team schnell auf die Sachebene. Stundenlang werden dabei Probleme
diskutiert, ohne zu einer befriedigenden Lösung zu kommen. Energieblockaden,
Ineffizienz und hohe Zeitverluste sind die Folge. Bei Besprechungen und
Konferenzen ist dies besonders oft zu beobachten.
Emotionslosigkeit macht
Menschen hölzern und steif. Hinter einer Maske distanzierter Kontrolliertheit
verbergen sich oft Abgründe von Selbstzweifeln, Verletztheit und Einsamkeit.
Gefühle sind die vermeintliche Achillesferse des klassischen Managers. Und ja,
es stimmt: Gefühle zu zeigen macht verwundbar - es macht aber auch frei. Erst
der bewusste Umgang mit seinen Gefühlen sorgt für Authentizität und dies
wiederum ist die Voraussetzung für Souveränität und Charisma.
Wer den Mut hat, seine Gefühle auszusprechen, der
weckt Sympathie. Und genau auf diese Weise schafft er es schließlich, zu
bewegen und zu überzeugen. Kommen Sie also raus aus der Black-Box Ihrer
fragwürdigen emotionalen Neutralität und erlauben Sie sich, Gefühle zu zeigen. Man erreicht andere dann am besten, wenn man von sich selbst etwas
preisgibt.
Weitere Infos: www.kundenfokussierte-unternehmensfuehrung.com
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